Über Fragen der Demokratie, der Macht und der Religion, als persönlicher Ausblick für 2021

Steuerberater Peter Diederich, 30.12.2020 

 

Es ist nicht leicht, über solche Fragen im Licht des Glaubens zu sprechen, da der Glaube eine Verwandlung unernommen hat und mit den Werten, mit denen er früher in Verbindung gebracht wurde, leider heute nicht mehr in Verbindung gebracht wird.

 

Früher, beispielsweise zu Zeiten Christi, also des Römischen Reichs, aber auch in alt testamentlichen Zeiten, etwa des Perserreichs oder des Babylonischen Reichs, oder auch nach Christi Zeitrechnung in Zeiten des Mittelalters, Zeiten der Aufklärung, Renaissance, des Beginns der Demokratien, war eigentlich immer eine Konstante gegeben: Die Ungerechtigkeit der Macht. Man könnte sagen, der Kulminationspunkt der Ungerechtigkeit wäre im letzten Jahrhundert gewesen, aber da fehlt mir der Vergleich, die Relation, ich bin kein Historiker.

 

Wie kommt man aber darauf, das jetzt alles gut sei? Wir haben seither, vielleicht sogar nur seit ich mich erinnern kann, und das wären etwa die letzten dreißig Jahre, in dem Gedanken gelebt, alles wäre gut. Wir haben in Deutschland Religionsfreiheit, Frieden, Sicherheit, Versorgung, Gesundheit und können sozusagen alles bekommen, einschließlich alle erdenklichen Vergnügungsmöglichkeiten, weltweite, aktuellste Nachrichten, mit aller Welt in Verbindung zu sein, überall hinfliegen können. All das schien sich meiner Meinung nach – zumindest retrospektiv – in unserem Denken als Anspruchsgrundlage verfestigt zu haben. Und wir haben eine gerechte Demokratie, auch das schien und scheint mir immer noch konsensual zu sein, wiewohl dieser Gedanke in diesem Jahr etwas aufgebrochen ist, aber vernehmbar nur leicht.

 

Jedenfalls scheint es keine kritischen Medien mehr zu geben. Hinweise auf weltweite Ungerechtigkeiten, Hunger, Verfolgungen, Verletzungen von Menschenrechten, Einpferchungen von Uiguren, Besetzung von Ländern, rechtswidrige Regierungen, fehlende Lösungen von Flüchtlingsfragen, scheint es kaum mehr vernehmbar zu geben. Es scheint auch kein öffentlicher Diskurs zu aktuellen Fragen stattzufinden. Mediziner äußern zwar ihre Kritik, eine medizinische Vertretung gibt es aber nicht oder die stimmt in geäußerte Kritik nicht ein.

 

Nein, selbst Verfassungsrechtler nehmen alles als gegeben hin und rechtfertigen nun sogar, dass „geimpfte“ der Grundrechte nicht mehr beraubt werden dürften, weil sie ja keine Gefahr mehr darstellten. Ich frage mich, weshalb ich als Ungeimpfter, aber nicht infizierter, eine Gefahr darstelle und der Grundrechte beraubt werden darf. Das ist aber nicht meine Kernfrage.

Die Kernfrage ist die, weshalb der Unterschied zwischen Religion, Christentum und der politischen Macht nicht mehr wahrgenommen wird. Ich habe an anderer Stelle bereits geschrieben, dass die Politik, das heißt unsere humanistische Demokratie, die meisten oder gar viele christliche Werte übernommen und vereinnahmt hat. Das Recht etwa Kranke zu heilen, ist den Medizinern vorbehalten. Aktuell, so zumindest einige Mediziner, ist es wohl mehr der Politik vorbehalten. Nun wird den Medizinern ihre Arbeit auch entzogen.

 

 

Aber auch das Thema „Nächstenliebe“, soziale Fürsorge, Teilhabe am Leben, Integration, Flüchtlingshilfe, Sozialhilfe, Hilfe für Wohnungslose, Arbeitssuchende, Kranke, Schwache, Menschen mit Teilhabeschranken, ist alles gesetzlich und gesellschaftlich-politisch geregelt und nicht mehr Aufgabe der Kirche. Wenn die Kirche in diesen Bereichen tätig ist – was sie unbestreitbar ist, wird die Kirche in der Regel in den Bereichen staatlich finanziert und staatlich vergütet. Sie kann es sich somit eigentlich nicht mehr auf die Fahnen schreiben.

 

Wo bleibt daher der Raum für christliche Verkündigung, christliche Werte, wie sollen wir uns denn noch profilieren? Wenn wir beispielsweise Kritik üben würden, und ich meine vernommen zu haben, dass Jesus zumindest das religiöse Establishment stark kritisiert hat, müssten wir mit Konsequenzen rechnen. Möglicherweise müssten wir uns mit unserer Kritik gegen den Staat richten. Ich vernehme einige wenige Pastoren, die sich entsprechend stark äußern. Die breite Mehrheit - ich eingeschlossen – ist bemerkenswert ruhig und still.

 

Es ist aber auch schwer: Denn Jesus hat ja nicht die politische Regierung kritisiert, sondern die religiöse jüdische Regierung, die eine Koexistenz im damaligen politischen System führte. Welche Koexistenz erleben wir denn beispielsweise in Deutschland? Wo unterscheiden sich Christen in ihrem Lebensstil von Nichtchristen? Somit sind die Maßnahmen des Lockdowns, die versagte Versammlungsfreiheit, selbstverständlich ein Angriff auf christliches Leben und christliche Werte.

Aber es geht noch weiter: Denn Jesus hat schon deutlich gesagt, dass wir nicht von dieser Welt sind, Johannes Kapitel 15, Vers 19. Mit anderen Worten, hat Jesus sich deutlich von dieser Welt abgegrenzt. Und ich würde auch sagen, dass, wenn Jesus schon seine eigene Religion, die Juden, kritisiert hat, würde er erst recht das politische System zu kritisieren gehabt haben. Er ist wohl nicht dazu gekommen, weil er mit dem anderen schon so stark beschäftigt gewesen ist.

 

Es war auch seine Aufgabe, für die Seinen zu sorgen. So sollten wir auch zunächst für die unsrigen sorgen. Für mich ist es eine überaus starke Frage, Herausforderung und ein Rätsel: Was hat er damit gemeint, dass er sagte: „Kommt her, Gesegnete meines Vaters, erbt das Reich, das euch bereitet ist von Grundlegung der Welt an; denn ich war hungrig, und ihr gabt mir zu essen; ich war durstig, und ihr gabt mir zu trinken; ich war Fremdling, und ihr nahmt mich auf; nackt, und ihr bekleidetet mich; ich war krank, und ihr besuchtet mich; ich war im Gefängnis, und ihr kamt zu mir. Dann werden die Gerechten ihm antworten und sagen: Herr, wann....? Und Jesus, der König, anwortete, insofern ihr es einem der Geringsten dieser meiner Brüder getan habt, habt ihr es mir getan.“ Matthäus, 25, 34-40

 

Zusammenfassend meine ich, es gäbe genügend Menschen dieser Kategorie und ich frage mich, bin ich dabei, das zu tun, was erforderlich ist. Ich meine, wenn ich das tun würde, hätte ich auch keine Zeit mehr für politische Fragen. 

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